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 KÜNSTLERBUCH
Der Zyklus
Künstlerbuch "Eine winzige Chance"

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MIT DEN AUGEN DES REALISTEN
Dieter Dreßlers Reimann-Zyklus "Eine winzige Chance"

Dr. Hannes Schwenger / Berlin

In den Tagebüchern Brigitte Reimanns, der literarischen Kronzeugin für die Innenseite der schwierigen Künstlerexistenz in der DDR, findet sich mehrfach der Name von Dieter Dreßler, den es wie sie in der Zeit des Bitterfelder Wegs ins Kombinat Schwarze Pumpe verschlagen hatte. Beide, die Dichterin und der Künstler, waren alles andere als begeisterte Mitläufer auf diesem Weg, auf den Kurt Bartsch den bösen Vers schrieb: "Es seufzt der positive Held, weil ihm der Weg so bitter fällt." Brigitte Reimann und Dieter Dreßler ging es ganz genau so. Am 4.3.1964 notiert sie: "Freitag Kulturkonferenz in Pumpe. Ich saß halt meine Zeit ab - übrigens schon mit Fieber und dergleichen. Kontroverse zwischen Dieter und unseren Funktionären, für die mir kein Schimpfwort einfällt, das stark genug wäre. Er kritisierte einige von ihnen, und sie revanchierten sich mit dem Vorwurf, er leugne die Kraft und Weisheit der Partei (denn natürlich sind sie die Partei), leugne also auch die friedliche Koexistenz und den Weltfrieden. Es ist zum Speien."

Ja, es war zum Speien, aber es war auch ein Stück Leben, in dem die beiden sich so behauptet haben, daß es davon auch nach der Wende von 1989 nichts zu verstecken gibt. Es soll ja Leute geben, die das Leben in der DDR durch die Diktatur der SED nach deren Zusammenbruch für entwertet halten, etwa nach dem Motto von Adorno, es gebe kein wahres Leben im falschen. Aber dafür haben wir hier das beste Gegenbeispiel, und es ist ein Glücksfall, daß es durch Brigitte Reimanns Tagebücher bezeugt ist. Tagebücher haben ja - anders als Memoiren und das so vergeßliche Gedächtnis - den Vorzug sich nicht zu ändern, auch wenn sich sonst alles wendet. Und dasselbe sagt Brigitte Reimann Dieter Dreßlers Person nach, wenn sie am gleichen Tag notiert: "Er ist aufrichtig, ohne verletzend zu werden, und in einer schwer zu präzisierenden Weise treu, auch als Genosse meine ich. Er quatscht nicht, bei ihm ist ja ja und nein nein - und von wievielen Menschen kann man das schon sagen?" Was den Genossen angeht - Dieter Dreßler war damals noch Mitglied der SED, die ihn 1974 ausschloß, Brigitte Reimann war nie Parteimitglied-, notiert sie schon anderthalb Jahre später, am 6. Juli 1965: "Dreßler kommt jetzt öfter vorbei, er ist niedergeschlagen, braucht jemanden, bei dem er reden kann, schimpfen, sich beklagen. Grund hat er, in seinem intriganten Verband, unzufrieden mit seiner Arbeit, immer mehr entfremdet dem Staat, der uns früher so viel bedeutete. Heute ist seine Autorität dahin, und unsere Hoffnung. Wir haben uns früher mal Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprochen. Schmonzes." So ging es allen, die gerade in Brigitte Reimanns Sinn als Genossen treu waren - sich und jenen Idealen treu, denen die Partei längst untreu geworden war.

Daß er auch ihrer Freundschaft treu geblieben ist, davon geben die Briefe, Aufzeichnungen und Bilder des Buches Auskunft, das ich als sein Verleger vorstellen darf. Die Briefe führen bis zu Brigitte Reimanns Tod 1973 im Klinikum Buch, wo sich die beiden zum letzten Mal begegnet sind. Ich muß sie nicht kommentieren, man muß sie lesen, sie sprechen für sich.
Dreßlers Radierungen dazu sind - wie seine zugehörige Erzählung "Rückkehr nach Schwarze Pumpe" - später entstanden, nach seinem Abschied von der DDR und nach der Wende von 1989, und ich habe ihn als Verleger fast dazu nötigen müssen. Dafür bin ich dann vielleicht doch einen Kommentar oder Rechenschaft schuldig, denn das Echo darauf - ganz besonders im Westen der Republik - zeigt, wie zögernd und durch alle nachwirkenden Vorurteile des Kalten Krieges belastet die Wahrnehmung dieser außerordentlichen Leistung des Künstlers erfolgt. So hat dem Verlag eine große Kulturstiftung, die sonst jedes beantragte Buch gefördert hat, in diesem Fall die Förderung versagt; wir haben es dann auf eigene Rechnung unseres gemeinnützigen Trägers und mit dem Entgegenkommen des Künstlers ermöglicht. Wir waren uns dabei durchaus bewußt - und Dieter Dreßler hat es seit seiner Übersiedelung in die alte Bundesrepublik wiederholt zu spüren bekommen -, daß der Kalte Krieg zwischen Realisten und Abstrakten in der Bildenden Kunst, den die beiden deutschen Staaten fast zur Staatsdoktrin erhoben hatten, bis heute in der Mißachtung der Leistungen realistischer Kunst nachwirkt. In der DDR dauerte es bis 1989, bis Künstler des staatlich geförderten Realismus eingestehen konnten, daß auch Abstrakte und Konstruktivisten wie Hermann Glöckner in Dresden "etwas geleistet haben"; so das Eingeständnis von Willi Neubert, an dessen Gemälde "Diskussion im Neuereraktiv" sich manche noch erinnern werden, vor der Akademie der Künste 1989. Künstler der alten Bundesrepublik haben die Beschimpfung ihrer realistisch malenden Kollegen sogar noch nach der Wende fortgesetzt. Die Anerkennung der großen Meister realistischer Malerei - Kollwitz, Dix, Hubbuch - endete mit den Zwanziger Jahren, ihre Nachfolge stand im Westen unter Kommunismusverdacht. (Wobei nicht zu leugnen ist, daß die Ideologen des Sozialistischen Realismus diesen Verdacht auch befördert haben.) Das Ende des Sozialismus hat sie von diesem Verdacht nicht befreit, sondern zusätzlich mit dem Makel des Gestrigen behaftet.

Aber nehmen wir das gelassen hin. Mein Drucker jedenfalls sagt mir, er habe seit Jahren keine so meisterlichen Radierungen mehr gedruckt wie Dreßlers Reimann-Zyklus. Davon überzeugt man sich am besten mit eigenen Augen, denn die sind immer noch die gerechtesten Richter.