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Lutz Wohlrab
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Lutz Wohlrab
Robert Rehfeldt, der Vater der DDR-Mail Art
In seiner Rede zur Eröffnung dieser Ausstellung sprach Eugen Blume davon, dass Robert Rehfeldt über Joseph Beuys wie über seinen Nachbarn erzählen konnte. Gern würde ich einmal seine Post an Beuys sehen. Ich kenne dessen Antworten: knappe Widmungen auf Drucksachen - immerhin. Trotzdem stimmt die Behauptung, dass sich Rehfeldt im Zwiegespräch mit Beuys befand. Beide prägten bedeutende Sprüche. Am bekanntesten ist wohl Beuys' Ermutigung: Jeder Mensch ist ein Künstler. Er meinte aber, dass der Fehler bereits dort anfängt, wo sich einer anschickt, Leinwand und Keilrahmen zu kaufen. Schließlich behauptete Beuys noch, kein Weekend zu kennen. Robert aber hatte ein Wochenendhaus in Summt. Er antwortete, dass Kunst trotzdem entsteht. Genauer: Kunst ist, wenn sie trotzdem entsteht. Sicherheitshalber beteuerte Rehfeldt, nur noch Kunst zu kennen. Ich kenne nur noch Kunst. Mir gefiel sein Gedanke Meine Idee hilft deiner Idee, unsere Ideen helfen andern Ideen immer am besten. Rehfeldt war ein Zusammen-Arbeiter. Vielleicht war Warhol für ihn noch wichtiger als Beuys? Am liebsten hätte auch er so eine Factory gehabt. Jeden, der zu ihm kam, wusste er zu beschäftigen – als Handwerker oder Handlanger, als Chauffeur, Fotografen, zum Besorgen von irgendwas oder einfach als Zuhörer. Ich mochte ihn sehr und hörte ihm gern zu – außer zuletzt, als mich seine Telefonate in den frühen Morgenstunden doch sehr nervten. Da zog ich abends einfach den Stecker, sorry Robert.
Kennen gelernt habe ich ihn im Mai 1985 zur Eröffnung einer Ausstellung von Oskar Manigk in der inoffiziellen Prenzlauer-Berg-Galerie von Erhard Monden in der Sredzkistraße. In den nächsten Jahren hatte ich viel mit ihm zu tun. Weil ich mich, gerade von der Greifswalder Universität geflogen, nicht als Hilfskrankenpfleger des Fachkrankenhauses Lichtenberg definieren wollte, ernannte ich mich zum Forschungsstudenten seines Mail Art-Archivs. Wenn mich Robert mit seinen langen Erzählungen nicht gerade von der Arbeit abhielt, sortierte ich für ihn die eingegangene Post. Für den Ostberliner Teil des 1. Dezentralen Internationalen Mail Art-Congresses, der im September 1986 ersatzweise in Rehfeldts Atelier, geplanter Ort war die Palette Nord, stattfand, gestaltete ich eine kleine Ausstellung. Für das Congress-Foto lieh er mir eine alte Studenten-Mütze aus seinem Fundus. Aus dem Rehfeldt-Archiv stellte ich eine beträchtliche Anzahl von Leihgaben für die von Walter G. Goes geplante Ausstellung Künstlerbriefe/Briefzeichnungen in der Orangerie Putbus zusammen. Leider wurde sie nach einem Rundgang der Stasi-Kreisdienststelle Rügen vor der Eröffnung verboten. Rehfeldt schickte mich im Januar 1987 nach Putbus, um an seiner Stelle die Eröffnungsrede zu halten. Bei seinem Auftritt zur Permanenten Kunstkonferenz im Mai 1989 in der Berliner Galerie Weißer Elefant unterstützte ihn das Künstlerkollegium B.E.R.M. bei der Ausstellungsvorbereitung. Mail Art gab es in der Almstadtstraße nur einen Tag lang zu sehen. Robert überließ dem Publikum seine Stempel und spielte lieber auf seiner Gitarre. Es gibt ein schönes Foto von uns. Rehfeldt schickte es mir als überarbeitete Postkarte. Drücke der Zukunft deinen Stempel auf. Das verstand ich noch einmal als deutliche Aufforderung. Als die PDS Pankow diesen Spruch auf einen Poststempel montierte und das Plakat für ihren März-Wahlkampf 1990 benutzte, wollte ich, dass Robert sich dagegen wehrt. Er winkte aber nur müde ab.
1990 war ich auch dabei, als Wolf Vostell seine Assemblage 9. November 1989 im DDR-Zentrum für Kunstausstellungen am Weidendamm präsentierte. So etwas hatte ich noch nie erlebt, die Ausstellung bestand nur aus einem einzigen Bild, wenn auch aus einem ziemlich großen. Die eingefügten Monitore zeigten Aufnahmen vom Mauerfall und das aktuelle Fernsehprogramm. Vostell war eine beeindruckende Erscheinung und Robert befand sich an diesem Abend in einem Ausnahmezustand. Was hat ihn - außer dem Alkohol - so nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht? Etwas Ähnliches erlebte ich mit ihm noch einmal, als ich ihn zu einer Vernissage in einen amerikanischen Stützpunkt fuhr. Dazu brauchte man nicht nur eine persönliche Einladung sondern auch seinen Ausweis. Mit dem DDR-Personalausweis kamen wir auf ein Gelände der US-Army. Das war verrückt. Doch auch dort störte Robert bald so sehr, dass man uns hinauswerfen wollte.
Was war mit ihm los? Er hat sich nicht darüber beklagt, sein geräumiges Atelier mit Nebengelass in der Mendelstraße aufgeben zu müssen. Er bezog eine kleine Wohnung im selben Haus und fand ein neues, noch größeres Atelier bei einem Sponsor in Spandau. Dort standen auch große Honecker-Bilder, die er übermalen wollte und an denen er wohl gescheitert ist. War daran die Schnelligkeit Schuld, mit der Vostell ein historisches Gemälde ablieferte, dass eigentlich Rehfeldt malen wollte? Im September 1992 organisierten meine Frau und ich das Berliner Treffen des 2. Dezentralen Internationalen Mail Art- und Networker-Congresses. Wir saßen vergnügt im Art-Strike-Café in der Käthe-Niederkirchner-Straße beisammen. Von den 23 Teilnehmern aus Ost und West sind bereits neun gestorben. Beim "Post-DDR-Mail-Art-Congress" im Prenzlauer Berg fassten wir den Entschluss, die DDR-Mail Art-Szene – ein abgeschlossenes Sammelgebiet - zu dokumentieren. Robert Rehfeldt war daran nicht direkt beteiligt. Wir Jüngeren wollten das ohne ihn tun. Er unterstützte uns aber ganz selbstverständlich mit Leihgaben aus seinem Archiv und hatte – ganz er selbst - sofort die Idee, die Seiten unseres Buches in sein noch viel größeres, weltumfassendes Mail Art-Buch einzubinden. Leider wurde daraus nichts mehr. Unser 1994 bei Haude & Spener erschienenes Buch Mail Art-Szene DDR 1975 - 1990 haben Friedrich Winnes und ich ihm gewidmet. Wir haben nicht geschrieben, dass wir mit Robert Rehfeldt unseren Vater verloren haben. Das hätte ihm viel zu pathetisch geklungen.
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