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Wolfgang Petrovsky

Universität Erfurt
Studium Fundamentale / Artist in Residence
ZWEITER ARTIST IN RESIDENCE PRÄSENTIERT ERGEBNISSE IN EINER AUSSTELLUNG
MAIL-ART-PROJEKT VON WOLFGANG PETROVSKY

1 . Correspondenzkarte
1869/70 wird die "Correspondenzkarte" zunächst in Österreich, dann vom Norddeutschen Bund eingeführt. 1885 folgt die Bildkarte, von einem findigen Verleger ans Tageslicht befördert, aus der später die Ansichtskarte wie die Kunstpostkarte entstehen. Erst 1905 gibt die Deutsche Reichspost ihre Beförderungsbestimmung auf: eine Seite allein für Adresse und Poststempel, die andere gezwungenermaßen für Bild und Text. Die standardisierten Maße von 9 x 14 bzw. 10,4 x 14,8 cm haben sich bis heute erhalten. Schon die ersten Jahre geben den Erfindern Recht, denn die Karte verkaufte sich auf Anhieb x-rnillionen Mal. Kulturell gesehen wird der Schriftverkehr zum Infoabtausch, kurz, schnell und gut ankommend. Erste künstlerische Zeugnisse bleiben dünn gesät, sind als "Gelegenheitsgrafik" zu verstehen, wie skizzierte Reisegrüße u.ä. Darunter finden wir auch Arbeiten von Emil Nolde, die als Reproduktionen vervielfältigt wurden.


2. Brücke
Die Expressionisten führten die Künstlerpostkarte vor dem 1. Weltkrieg zu kaum übertroffenen Höhepunkten. Schmidt-Rottluff, Pechstein, Heckel und Kirchner traten als Künstlergruppe "Brücke" in einen regen Karten- und ldeenaustausch, der auch ihre Galeristen, Sammler und Museumsleute mit einbezog. Doch waren das weit mehr als persönliche Grüße, sie bedeuteten praktizierte Verbundenheit und lebendigen Gruppenzusammenhalt. Jedoch griffen die Brückekünstier dabei nicht auf die flutweisen Kitschkunstkarten mit Blümchenränderung usw. zurück, sondern bearbeiteten das "arme Medium" mit der Vielfalt eigener Kunstmittel. Schnelles, kräftiges Notieren und Farbesetzen, wie sie das in Form des "Fünfminutenaktes" reichlich geprobt hatten. Statt Gelegenheitskunst zeigen sich autonome Bildzeichen eines neuen künstlerischen Selbstbewusstseins.


3. DADA
Die weltweit verstreuten Keimzellen der Dadaisten pflegten die Korrespondenz schon aus fernliegenden Gründen und zudem schaffte die Arbeit an einer ganzen Reihe unterschiedlichster Publikationen nötige Verbindungsaufnahmen bzw. -wege. Im provokativen Gegensteuern, in ihren radikalen Ründumschlägen benutzten diese Rebellen alles, was ihnen zupass kam, so auch die Postkanäle. Mit harschem Zugriff und ironischen Montagen bearbeiteten sie vorgefundene Trivialdruckerzeugnisse und gaben diesem Festgefahren neue Beweglichkeit. Eine Geschichte erzählt, dass Grosz und Heartfield noch zu Kriegszeiten subversiv-collagierte Eigenbau-Feldpostkarte in den Postverkehr brachten und somit die Zensur zu umgehen vermochten. Ein anderer Liebhaber spielerischen Versendens war Schwitters mit seiner Meisterschaft der Materialverwertung und -poesie. Er zählt übrigens zu den ersten Künstlern, die sich in die behördlichen Gefilde des Stempel(n)s begierig-spielerisch einbrachen.


4. Ray Johnson und The New York Correspondance School
Der Amerikaner Ray Johnson gilt längst als Vater der Mail Art. Nachdem er die Malerei zugunsten quertreibender Kunstausübungen aufgegeben hatte, gründete er 1965 "The New York Correspondance School". Austausch statt Kunstvermarktung, Correspondance (Wortspiel mit Tanz - typisch für seine Vorgehen) statt Kunstanbetung, das steht als Fazit. Er betreibt eine Art Weiterverarbeitungskunst.- Dinge wie Postwurfsendungen, Künstlerpost, Kataloge u.v.m., die auf postalischem Wege ankommen, bearbeitet er und sendet sie weiter, zumeist mit der Aufforderung des on-sending, des Weitersendens, Weiterverarbeitens. Das eigentliche Original verschwindet im kreativen Fluss, im Kreislauf des Austausches. Kunst bedeutet zu allererst kommunizieren. Die Dienste der Post werden in das Netz mit eingewoben.


5. Staeck, Beuys und Co.
Der Plakatemacher aus Heidelberg begann mit der Gründung der "Edition Staeck" Ende der 60er Jahre gleichzeitig seine grafischen und gesellschaftspolitischen Entwürfe versandfertig als Postkarten unter die Leute zu bringen. Werbestrategien aus Politik und Konsumwelt wandelte der Künstler zu kritischen Signalflächen. Auch im Osten wurden seine Botschaften empfangen und Staeck verhalf manchem Kartenkunstwerk von hier zur weit verbreiteten Auflage. Besonders intensiv edierte der Grafiker Künstlerkarten der Freunde und Kollegen. Und mit Beuys war das etwas außergewöhnliches, denn der entdeckte für sich das Medium Postkarte auf unterschiedlichsten Ebenen: als "Materialversand" (Magnetkarte, Holzkarte etc.), als Aktionsdokument, als Zirkulation von Konzepten, als Reproduktion und gelegentlich gar als politische Wahlbotschaft. So entstand vieles für diese Kunstform und zählt heute zu den Klassikern.


6. Mail Art in der DDR
Mit den 70er Jahren, aus Enge und Einfalt heraus, entwickelte sich in der DDR eine teils alternativ verstandene Mail-Art-Szene. Manches kam in den Versand, aber beim Adressaten nie an, weil von "Postlesern" aussortiert. Ein Überblick über die Produktion zeigt deutlich, wo (manchmal vordergründig signalisiert) jener untergegangenen Republik der Schuh drückte. Vorreiter war unzweifelhaft der Ostberliner Rehfeld, der erfolgreich und mit List über den Eisernen Vorhang hinweg den Kontakt zu westlichen wie (fern)östlichen Künstlern als Teil seiner Kunst pflegte. "Contact Art" bedeutet ihm Überwindung von Grenzen, auch zwischen Laien und Kunst, Völkerverständigung, ldeenumlauf. Zeitgleich oder angeregt dadurch beschritten etliche Künstler ähnliche Wege: Butzmann mit seinen Umweltgrüssen aus Pankow oder Petrovsky/Voigt mit ihren neodadaistischen Geschichtssignalen. Findig erfuhr die staatliche Druckgenehmigung durch künstlerischen Einsatz Umgehung, denn selbst war der Mann (die Frau). Aber dies bedeutete für die meisten bloß eine Form ihrer Kunstpraxis unter vielen. Daneben gab es manchen Mail-Artisten, der das Kartenbasteln als avantgardistische Volkskunst mißverstand.


7. Heute abgestempelt?
Die elektronischen Vernetzungen, über welche heutigentags kommuniziert wird, befinden sich unaufhaltsam auf dem Vormarsch, keine Frage. Aber die Einsamkeit vor dem Bildschirm, Mausklick inklusive, sowie die virtuellen Endprodukte und nicht zuletzt der jüngst weltweit wandelnde Virus ILOVEYOU zeigen Anfälligkeiten dieses Systems. Deshalb gewinnt das Persönliche, das Handgemachte, der sinnlich-direkte Zugriff auf die Materialien (nur postversandgerecht müssen sie sein) erneut Botschaftswert, neben dem Text, neben der Info, neben den Grüssen. Im besten Sinn kommt alles zueinander. Auf den Postweg gebracht - absenden, zirkulieren und empfangen - das alte Prinzip funktioniert und hält Überraschungen wie Fragen bereit.